
Live-Elektronik, performative Aktionen und der Einsatz von Live-Kameras, Licht und Video verschmelzen zu einem intensiven Erlebnis zwischen Klang, Körper und Raum. In einer quadrophonischen Klanglandschaft entstehen neue Verbindungen zwischen Konzert und Performance. Im Zentrum steht die Entfremdung des Selbst – die innere Zerrissenheit zwischen Wahrnehmung, Realität und Identität. Ein Abend, der nicht nur gehört, sondern tief gespürt und visuell erlebt wird.
Sueños en dos Idiomas (für Sopran, Elektronik, Video und Maske) – Wingel Mendoza
Das Stück ist eine Reise durch den Geist, der nicht schlafen kann, in dem mentale und klangliche Illusionen sich in Licht- und Schattenblitze verwandeln, in tiefe, fast unhörbare Klänge, die in verschiedene Richtungen hörbar werden. Wie können wir äußerlich frei sein, wenn wir nicht frei von unseren inneren Gedanken sind. Das Werk besteht aus Präsenz oder Energien, wobei die Sopranistin ein Wesen ist, das sich generell von ihren inneren Gedanken befreien muss, die sie am Schlafen hindern. Klänge und Lichter sind Wesen, die erscheinen und verschwinden, sich diskret oder plötzlich und heftig manifestieren.
Unüberwindliche Selbstaufopferung? (für Guttural Growler und 4-Kanal-Elektronik) – Juan David Pérez
In diesem Stück sind Klänge, Text und Vokaltechniken um das zentrale außermusikalische Thema der Selbstaufopferung gestaltet. Dabei geht es um eine Form der Gefangenschaft, die Menschen nicht im wörtlichen Sinn, sondern durch soziale und familiäre Umstände erfahren: eine Last, die ihr Leben beschwert und ihnen die Möglichkeit nimmt, es als wirklich „frei“ zu erleben.
Oft ist ein Ausweg aus dieser selbst- oder fremdverschuldeten Gefangenschaft aufgrund der starken Bindung an den eigenen sozialen Kontext kaum möglich. Durch diese fortdauernde Einschränkung wird letztlich das geopfert, was diese Menschen in ihrem Leben könnten, wollten oder erreichen könnten. Die Musik verleiht diesem inneren Spannungsfeld eine klangliche Gestalt und öffnet einen Raum für Reflexion und Resonanz.
Die Idee, mit gutturalen Klängen und Schreien in der Stimme zu arbeiten, hat für uns zwei Gründe: Der erste, ist zweifellos der klangliche Reichtum, den die verschiedenen Formen von Schreien, Gutturalklängen und Stimm-Effekten mit sich bringen, der uns dazu motiviert, damit zu arbeiten. Darüber hinaus müssen gutturale Klänge und Schreie nicht immer ƒƒƒ oder sehr laut sein. Viele dieser Techniken können in unterschiedlichen Lautstärken verwendet werden, um das Missverständnis zu vermeiden, dass gutturale Klänge immer sehr laut sein müssen.
Der zweite Grund bezieht sich auf einen eher außermusikalischen Faktor, der mit den konzeptionellen Inhalten der Stücke übereinstimmt. In diesen repräsentieren die extremen Formen der menschlichen Stimme eine Art Katharsis und Freisetzung menschlicher Energie.
Diese Energie liegt oft in den unzähligen Formen von Frustration, Enttäuschung und Verletzlichkeit verborgen, die viele menschliche Erfahrungen und Situationen prägen.
Cherryfied [Verkirscht] (für Sopran, Guttural Growler und Elektronik) – Danbi Jeung
Eine Tatsache hängt wie eine Kirsche.
Sie hängt, also ist sie eine Tatsache.
Ich schlucke den harten Kern.
Der Kern ist mein Zentrum.
Ich sehe das Rote zuerst.
Das Rote sieht mich zuerst.
Ich wähle die Farbe, die zu mir passt.
Die Farbe wählt das Ich, das zu ihr passt.
Nur das Sichtbare ist sichtbar.
Cherryfied [Verkirscht] untersucht Wahrnehmung als Akt der Auswahl.
Im Zentrum steht der Bestätigungsfehler: das Festhalten an dem, was bestätigt, und das Ausblenden dessen, was stört.
Stimmen werden fragmentiert, verschoben und verfremdet. Bedeutung entsteht nicht aus dem Gesagten, sondern aus dem, was gehört werden will. Schreien und Kontrolle erscheinen als zwei Zustände desselben inneren Drucks.
Ein vertrautes musikalisches Material taucht auf und verliert allmählich seine Stabilität. Gewissheit wird Oberfläche, Wiederholung wird Zweifel.
Das Werk richtet den Blick nicht auf Wahrheit, sondern auf die Filter, durch die sie wahrgenommen wird – und auf die Spuren, die diese Filter hinterlassen.
Chie Nagai
Chie Nagai ist eine in Kassel lebende Sopranistin, Improvisatorin und Musikpädagogin, arbeitet überwiegend im Bereich improvisierte und zeitgenössische Musik. Sie studierte Klassische Gesang und Gesangs- und Elementare Musikpädagogik in Tokyo und Kassel, Sie hat seitdem bereits viele Werke von Komponisten wie Johnny Chang, Alois Bröder, Lutz-Werner Hesse, Yoshinao Kobayashi, Wingel Mendoza, Tomomi Aadachi und Viola Yip uraufgeführt, und trat sie darüber hinaus mit Komponisten und Improvisatoren auf wie Christian Wolff, Tomomi Adachi, Liping Ting, Eddie Prévost, Rieko Okuda und Albert Kaul. Zusammen mit Joshua Weitzel war sie Co- Kuratorin der Konzertreihe Chamäleon Verbindungen 2020 in Kassel. 2021 Stipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst für die Entwicklung des Kinderkonzerts „Oto no Hiroba“. 2022 Stipendium der Akademie der Künste Berlin mit dem Duo Klangplatz (gemeinsam mit Hada Benedito), 2023 Projektförderung des Musikfonds für das Projekt „KlangWald“. Lehrtätitkeit u.a. an der Musikakademie Kassel (2022-2023), sowie Workshopleitung am Exploratorium Berlin und der Ritsumeikan University Kyoto.
Die Faszination für die schier unerschöpfliche Fülle an Spielformen und Ästhetiken sowie die immer neuen Herausforderungen begründen Daniel Agis Leidenschaft für Neue Musik. So ist er, unter anderem mit dem von ihm gegründeten Ensemble hand werk und dem Hannoveraner Das Neue Ensemble, regelmäßig bei international renommierten Musikfestivals wie den Wittener Tagen für Neue Kammermusik, der Zagreb Biennale und dem Kölner Festival Acht Brücken zu hören.
Als Vokalist erforscht er, ausgehend von den Gesangsstilen des extremen Heavy Metal, die Welt der verzerrten Stimmklänge. Mit seinen intensiven Performances tritt er unter anderem auf Festivals wie Gaudeamus, Utrecht oder Musica, Straßburg in Erscheinung. Sein Studium absolvierte Daniel Agi bei Hans-Martin Müller und Robert Aitken in Köln und Freiburg und erwarb an der Internationalen Ensemble Modern Akademie einen Master. Er ist als Solist, Kammer- und Orchestermusiker auch im klassischen Repertoire zuhause und bei den Duisburger und Düsseldorfer Philharmonikern und dem Ensemble musikFabrik zu Gast.
Wingel Mendoza (Mexiko-Stadt, 1982) ist ein Komponist und Klangkünstler mit Wohnsitz in Deutschland. Seine Musik wurde in Mexiko, Deutschland, der Tschechischen Republik, Österreich, den Niederlanden, Litauen, Lettland, Spanien, Norwegen, der Schweiz und anderen Ländern aufgeführt. Er war Stipendiat des Programms „Jóvenes Creadores“ von FONCA (Mexiko) in den Jahren 2014-15 und 2017-18. Er gehörte dem Nationalen System der Kunstschaffenden (2020-2023) an. Außerdem hat er verschiedene Preise und Wettbewerbe gewonnen, darunter den ersten Platz im Kompositionswettbewerb „Armin Knab Wettbewerb für Komposition 2016“ (Würzburg, Deutschland) mit dem Stück „Cuitláhuac“ für Orchester. Mit dem Stück „Der Hase des Mondes“ für Klavier gewann er den ersten Platz im Kompositionswettbewerb „Von fremden Ländern und Menschen 2017“ (Leipzig, Deutschland). In seinen eigenen Worten sagt Wingel Mendoza: „Für mich ist Klang ein Material, das nicht nur aus Klangenergie besteht, sondern auch aus Erinnerungen, Bildern, Objekten, Lichtern und Schatten oder Handlungen wie Berühren, Denken oder Bewegen. Daher besteht mein persönliches Interesse als Komponist und Klangkünstler darin, meinen Klangkontext durch Interaktion mit externen Quellen zu erweitern, wie die Verwendung von elektronischen Geräten wie Klangsynthese, Programmierung, Video, Raum, die Interaktion des Menschen mit seiner Umgebung und der Natur, Bilder, Bewegungen und Sensoren.
Danbi Jeung aus Seoul, Südkorea, ist eine Komponistin und Klangkünstlerin, die nach Deutschland zog, um ihre Studien in Komposition, elektronischer Musik und Klangkunst an der Musikhochschulen in Hannover, Karlsruhe und Mainz fortzusetzen. Ihre Werke erforschen die Verbindungen zwischen Klang, Theater und Text und beziehen neue szenische Phänomene mit ein. Ihre Werke wurden in vielen Städten aufgeführt und ausgestellt, darunter in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Surplus, der Musik Fabrik, dem Staatstheater Karlsruhe usw. Sie hat mehrere renommierte Stipendien und Residenzen erhalten, darunter die Förderung der De la Motte Musikstiftung, die Konzeptionsförderung des Kulturamts Wiesbaden, den Musikfonds und Worpswede Residenz usw. Ihre Arbeit umfasstInstrumentalkompositionen sowie Multimediawerke mit elektronischer Musik, Performance, Video und Klanginstallationen. In letzter Zeit hat sie sich in ihrer Kunst auf die Behandlung sozialer Themen, Memes und Satire konzentriert.
Juan David Perez
Juan David Perez (*1993 Bogotá, Kolumbien) lebt aktuell in Frankfurt, wo er mit Kolleg*innen an selbständigen Musikprojekten arbeitet. Er erhielt Stipendien für die Projektentwicklung von Kultureinrichtungen wie dem Musikfonds(2022), AMKA Frankfurt (2021) und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst 2020. Er hat an den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt, High Noon Musik 2000+, dem 20-jährigen Jubiläum der FGNM, dem Art-ist Festival in Wiesbaden, FrankfurtLAB Festival 2019 teilgenommen. Er studierte Komposition (Bachelor) an der Universidad Javeriana in Bogotá. Im März 2021 beendete er sein Mastersstudium in Komposition an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main beim Orm Finnendahl und Michael Reudenbach. Als Komponist konzentriert er sich auf Kammermusik, elektronische Musik und zeitgenössische Musik. Durch seine aktive Tätigkeit als Musiker, ist seine Musik neben der Neuen Musik auch immer wieder durch Strömungen der populär Musik, vor allem Rockmusik und experimentelle Synthesizer Stücke, beeinflusst.